Ökotoxikologie und Risikomanagement: Strengere Regelungen werden erwartet

15.12.2008 | Dortmund
Europäische Agrochemie-Experten trafen sich in Köln auf der

Der wissenschaftliche Fortschritt hat das Leben einfacher und angenehmer gemacht. Doch der einst unumstößliche Glaube an den Fortschritt hat in vergangenen Jahrzehnten etwas nachgelassen. DDT markierte einen Meilenstein in dieser Entwicklung: 1874 wurde es erstmals synthetisiert und 1948 erhielt der Schweizer Chemiker Paul Hermann Müller den Nobelpreis für seine Entdeckung, dass DDT als Insektizid hochwirksam ist. Nach vielen Jahren intensiven Einsatzes geriet DDT in den Verdacht, schädliche Auswirkung auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu haben. Schließlich wurde DDT in den 1970-er Jahren in den meisten westlichen Staaten für den landwirtschaftlichen Gebrauch verboten. Erfahrungen wie diese führten zur Einführung gesetzlich geregelter Maßnahmen zu Risikobewertung und -management auf nationaler und internationaler Ebene. Heute ist die "Ökotoxikologie" eine akademische Disziplin, die die Wirkungen von Stressoren auf allen Ebenen biologischer Organisationsformen untersucht - von der molekularen Ebene bis zu ganzen Gemeinschaften und Ökosystemen. Gesetzliche Aspekte, Entwicklungen im Bereich der Risikobewertung und Massenvergiftung der Honigbienen waren Hauptthemen auf der 8. Internationalen Fresenius-Konferenz "Aquatic and Terrestrial Ecotoxicology and Risk Management" am 4. und 5. Dezember 2008 in Köln.

Revision der Richtlinie 91/414/EWG - lange und kritische Debatten

Die Richtlinie 91/414/EWG über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutz- mitteln ist fast 20 Jahre alt. Martin Streloke (Bundesamt für Verbraucher- schutz und Lebensmittelsicherheit - BVL) berichtete über die derzeitige Revision der Richtlinie. Einige Veränderungen und Entwicklungen müssen einbezogen werden sagte er - beispielsweise die Gründung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), neue EU-Mitgliedstaaten und die Stärkung des Parlaments. "Während der vergangenen Jahre gab es viele Diskussionen und Verhandlungen", so Streloke. Große Aufregung löste der Vorschlag der EU-Kommission aus, gefahrenbezogene Cut-off-Kriterien einzuführen, anhand derer Pestizide aufgrund ihrer inhärenten chemischen Eigenschaften zugelassen oder auch verboten werden sollen. Produzenten und Anwender von Pflanzenschutzmitteln fürchten, dass durch diese strenge Regelung viele Wirkstoffe und Pflanzenschutzmittel vom Markt verschwinden werden. Laut Streloke ist der Einfluss die Verfügbarkeit von Wirkstoffen jedoch schwer einschätzbar Das Europäische Parlament, die EU-Kommission und die Mitgliedstatten treffen sich in Brüssel, um eine neue Verordnung auf den Weg zu bringen, die die Verordnung 91/414/EWG ersetzen soll und dann direkt in den Mitgliedstaaten geltendes Recht sein wird. "Ein Abschluss vor den Wahlen in 2009 wäre hilfreich, aber es sind noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen worden," sagte Streloke.

Leitliniendokumente zur Risikobewertung

Leitliniendokumente sollen beantragenden Organisationen und Mitgliedstaaten Hinweise geben, wie Risikobewertungen in bestimmten Bereichen durchzuführen sind. Sie sollen bei Bedarf aktualisiert werden, etwa um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, sagte Christine Füll (EFSA, PPR-Gremium) auf der Fresenius-Konferenz. Seit 2006 ist die EFSA dafür verantwortlich, Leitliniendokumente zu überarbeiten oder neue zu erstellen. Füll gab einen Überblick über die derzeitigen Aktivitäten der EFSA: Das Leitliniendokument zur Risikobewertung für Vögel und Säugetiere ist noch nicht komplett überarbeitet. Allerdings sind ein EFSA-Gutachten und 34 dazugehörige Anhänge bereits im Internet veröffentlicht. Die Revision des Leitliniendokuments über den Verbleib von Pflanzenschutzmitteln im Boden ist in Bearbeitung und wird wahrscheinlich Ende 2009 fertig sein. Daneben erstellt die EFSA ein Leitliniendokument zur Emission von geschützten Anbausystemen, das heißt von Treibhäusern und abgedeckten Kultivierungen. Schließlich überarbeitet die EFSA zurzeit zwei Leitliniendokumente zur aquatischen und terrestrischen Ökotoxikologie, informierte Füll.

Vergiftung von Honigbienen

Der Begriff "Colony Collapse Disorder" (Bienenvolk-Kollaps) bezeichnet das Massensterben von Honigbienen und wurde erstmals verwendet, als Ende 2006 in Nordamerika ungewöhnlich viele Honigbienenvölker verschwanden. Seither haben auch Imker in vielen europäischen Ländern ähnliche Phänomene beobachtet. Im Frühling 2008 traten Vergiftungsfälle von Honigbienen in der Oberrheinebene und Bayern auf, berichtete Klaus Wallner (Universität Hohenheim) auf der Fresenius-Konferenz. Mehr als 11500 Bienenvölker wiesen Vergiftungserscheinungen durch Insektizide auf, rund 750 Imker waren betroffen. Nach einer intensiven Ursachenforschung gibt es eine breite Übereinstimmung, dass der Grund für diese Bienenschäden der Staubabrieb von behandelten Maispflanzen war. Dieser Staub enthielt die Substanz Chlothianidin, ein Neonicotinoid und Bestandteil des Insektizids Poncho Pro, das bekanntermaßen hochgradig toxisch auf Honigbienen wirkt, erklärte Wallner. Neonicotinoide sind sehr persistent und wasserlöslich. Außerdem zeigen sie ein gutes systemisches Verhalten in der Pflanze. "Das eröffnet neue Wege für Honigbienenvergiftungen - diese Wege müssen identifiziert und überprüft werden", forderte Wallner. Gavin Lewis (JSC International, London) kündigte an, dass überarbeitete Prüfleitlinien und Risikobewertungsmaßnahmen für Honigbienen auf dem nächsten Symposium der ICPBR Bee Protection Group (International Commission for Plant-Bee Relationships) 2009 veröffentlicht werden.

Geobezogene Expositions- und Risikobewertung

Tag zwei der Fresenius-Konferenz beschäftigte sich mit den Bestrebungen, Expositions- und Risikobewertungen zu verbessern. Roland Kubiak (RLP ArgoScience, Neustadt) stellte eine Methode vor, die geographische und probabilistische Indikatoren vereint. "Die Abstände zwischen Anwendungsgebieten und Biotopen oder Oberflächengewässern unterscheiden sich. Oberflächengewässer haben eine unterschiedliche Größe und das Wasser könnte sich bewegen. Solche Sachverhalte müssen berücksichtigt werden, wenn wir überzeugendere Daten erhalten wollen und mehr Realität im Zulassungsverfahren anstreben", betonte er. Beachtet man die tatsächlichen Entfernungen zwischen landwirtschaftlich nutzbarem Land und Oberflächengewässern, reduzieren sich die PEC-Werte (Predicted Environmental Concentration - erwartete Konzentration) laut Kubiak um bis zu 80 Prozent im Vergleich zur deterministischen PEC-Berechnung in dauerhaften Pflanzen. Diese Erkenntnisse, so Kubiak, wurden nach mehrjähriger Anwendung geobezogener probabilistischer Expositions- und Risikobewertung (GeoPera) gewonnen.

Quelle: Pressemeldung Die Akademie Fresenius GmbH

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