Renaissance der Alblinsen
Eine von Bioland Baden-Württemberg organisierte Pressefahrt mit der Staatsekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch (MdL) lockte über 30 interessierte Teilnehmer zu den Alb-Linsen auf den schwäbischen Jura. 20 Journalisten von Fernsehen, Hörfunk und Printmedien (mit Kamerateams und Fotografen), Vertreter der Landratsämter Reutlingen und Alb-Donau, ein Slow Food-Repräsentant, ein Bürgermeister, ein Bundes- und ein Landtagsabgeordneter, wissenschaftlliche Mitarbeiter zweier Hochschulen und weitere Personen nahmen eine Stunde und mehr Anfahrt zu den abgelegenen Stationen auf der Schwäbischen Alb auf sich, um "alles über die Alb-Linse" zu erfahren. Was die Bauern hier vor 50 Jahren aufgegeben und (fast) vergessen hatten, zieht plötzlich weite Kreise bis in die Landeshauptstadt und die Alb-Linse steht auf einmal wieder hoch im Kurs. "Ich kann mir gut vorstellen", so die Staatsekretärin Gurr-Hirsch, "dass die Alb-Linse ihren Siegeszug weiter fortsetzt". Die Geschichte, die bis dahin geführt hat, liest sich wie ein Märchen.
Während die deutschen Bauern zu Bismarcks Zeiten noch zigtausende Hektar Linsen angebaut hatten, gaben nach dem zweiten Weltkrieg die letzten Landwirte auf der Schwäbischen Alb den Linsenanbau auf. Zu schwankend waren die Erträge, zu mühsam die Trocknung und Reinigung nach der Ernte. "Die Bauern waren froh, als das "alte Glomp" endlich von ihren Äckern verschwunden war", berichtet der Bioland-Bauern Woldemar Mammel aus Lauterach auf der Alb. Als er Anfang der 80er Jahre in der Dortwirtschaft mit Kollegen über alte Sorten parlierte, fasst er jedoch den Entschluss, es noch einmal mit der Linse zu probieren. "Weil i des Glomp so gern ess", verrät er mit einem gnitzen Lächeln im Gesicht.
Der Weg zum Erfolg war jedoch so steinig wie die Äcker auf der Alb: Die alten Linsensorten waren nicht mehr aufzutreiben, das spezielle Wissen um den Linsenanbau verloren gegangen und die notwendigen Geräte zur Reinigung des Ernteguts musste er mühsam auf alten Dachböden und auf dem Weg zum Schrotthändler zusammensuchen. Weil die ursprüngliche Alb-Linsen der Haigerlocher Firma Späth (Späth'sche Alblinse I und II) nirgends mehr zu finden waren, verwendete er die "Le-Puy-Linse" aus dem französischen Zentralmassiv (La Lentille Verte du Puy A.O.C.). Ein glücklicher Griff, denn die Linsensorte passte gut zu den rauhen Standortverhältnissen der Alb.
Aufgrund der großen Nachfrage gründete er mit anderen Bio-Kollegen 2001 die Öko-Erzeugergemeinschaft "Alb-Leisa". Die Produktionsflächen und -mengen wuchsen jedes Jahr in großen Schritten. Heute bauen die 37 Mitglieder (davon 33 Bioland-Bauern, zwei Naturland- und zwei Demeter-Kollegen) wieder auf über 80 Hektar Linsen an - der größte Teil der geschätzten 120 Hektar Linsenflächen in Deutschland. Dabei mussten die Alb-Bauern jedoch mit einigen Schwierigkeiten kämpfen. Als traditionelle Stützfrucht verwenden sie wie ihre Vorfahren die Gerste, doch in welchen Abständen und Mengen sollte die Saat ausgebracht werden? Zudem reift die Linse nicht gleichmäßig - zuerst unten, dann oben. Das Erntegut weist deshalb hohe Feuchtegehalte auf und muss zuerst getrocknet und dann aufwändig sortiert werden. Zudem schwanken die Erträge stark. Von 850 Kilogramm pro Hektra in einem "traumhaft guten Jahr" bis zu unter 500 Kilogramm reicht die Spanne, wenn das Klima einen Strich durch die Rechnung macht.
Vermarktung ohne Großhandel
Das wachsende Interesse auf Seiten des Handels und der Verbraucher half den Bauern jedoch, die Durststrecken zu überstehen. Heute vermarktet die Öko-EZG die "Alb-Leisa" über rund 190 Verkaufsstellen (Bioläden, Hofläden, teilweise LEH) und an 45 Gastronomen in der Region. Es gibt auch Anfragen aus anderen Bundesländern, aber noch sind die Erntemengen zu gering für eine bundesweite Vermarktung. Der Sohn Lutz Mammel nennt einen weiteren Grund: "Bevor wir die Alb-Leisa in einem größeren Umfeld verkaufen, wollen wir die Nachfrage in der Region bedienen. Denn wir finden es wichtig, dass die Verbraucher Nahrungsmittel kaufen können, die vor der eigenen Haustüre wachsen." Auch Matthias Strobl, der Geschäftsführer von Bioland Baden-Württemberg, bekräftig: "Die sensibilisierten Kunden möchten heute wissen, woher ihre Bioprodukte kommen". Es war deshalb ein sensationeller Glücksfund, als im Jahr 2007 der schwäbische Nutzpflanzensammler Klaus Lang und Klaus Amler von Ökonsult unabhängig voneinander die verschollene Orginal-Alblinse im Wawilow-Institut in St. Petersburg wieder entdeckt haben.
In der drittgrößten Gendatenbank der Welt lagern unter anderem 3000 Linsensorten - darunter auch die lange vermissten "Späth'schen Alblinsen".
Eine schwäbische Delegation brachte eine Handvoll dieser Orginal-Alblinsen vor zwei Jahren wieder zurück nach Baden-Württemberg. Die Fachhochschule Nürtingen und die Öko-EZG vermehren die "Späth'schen Alblinsen" seit letztem Jahr in einem Gemeinschaftsprojekt. Auch die Universität Hohenheim beteiligt sich an der Forschung. Dr. Sabine Gruber vom Institut für Pflanzenbau: "Es gab in den letzten 50 Jahren keine Forschung mehr zur Linse. Da müssen wir einiges nachholen."
Aus einer Linse können pro Jahr jedoch nur 100 neue Samen gezogen werden. Es wird also noch einige Jahre dauern, bis die Bauern der Region wieder die orginale Alblinse verwenden können. Woldemar Mammel und seine Kollegen setzen indes große Hoffnungen darauf, dass sich mit der Späth'schen Alblinse neue Möglichkeiten ergeben. Noch weiß niemand genau, wie sich diese Sorte aus dem russischen Exil auf dem Acker verhalten wird und wie sie überhaupt schmeckt. Viele warten schon ganz neugierig auf das erste Test-Essen. Die Geschichte bleibt also spannend und geht weiter.
Quelle: Pressemeldung Bioland Verband für organisch-biologischen Landbau e.V.
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